Vom Objekt zum Subjekt des Lernens © barockschloss/flickr/cc

Vom Objekt zum Subjekt des Lernens

Kompetenz- und andere Hochstaplergeschichten

Jürgmeier / 17. Jul 2014 - Sinkendes Niveau. Höhere Effizienz. Der Streit ist gross. Z.B. in der «NZZ» vom Montag. Überlegungen zum Kompetenzgerangel

Der Schuster Wilhelm Voigt benötigte 1906 nur eine Uniform, um als Hauptmann von Köpenick in die Geschichte einzugehen. Der Chirurg oder die Chirurgin - die immer wieder Schlagzeilen macht, weil er nach langer Berufstätigkeit als Hochstapler entlarvt wird - muss schon jahre- und jahrzehntelang erfolgreich Nieren operiert und über die entsprechenden Kompetenzen verfügt haben, andernfalls müsste ernsthaft am durchdiplomierten Umfeld gezweifelt werden. Aber, in einer Gesellschaft, die den Ausweis für das Original, den real existierenden Menschen für eine mögliche Fälschung hält, wird er als Betrüger verurteilt.

Unsere Zertifikationskultur basiert auf dem Generalverdacht, Menschen würden nichts lieber tun, als Professionen auszuüben, für die ihnen jede Kompetenz fehlt. Wir gehen davon aus, wir könnten uns mit pseudo-objektiven Auswahl- und Ausschlussverfahren vor unfähigen ZahnärztInnen, FloristInnen und ManagerInnen bewahren. Dies, obwohl das Resultat, vermutlich, nicht signifikant besser ist als wenn die benötigten MaurerInnen und GraphikerInnen unter denen ausgelost würden, die diesen Beruf ergreifen wollen. Dieses Abwehrdispositiv wirkt auf unsere Schule zurück, die nicht nur bildet, sondern auch selektioniert, vielleicht sogar in erster Linie.

Vom Input zum Output

Kompetenz ist das Bildungswort der Stunde. Ein umstrittenes allerdings. Auch die «Neue Zürcher Zeitung» veröffentlicht am 14. Juli 2014 Gegensätzliches. Während sich der Zürcher Pädagogikprofessor Urs Moser nicht vorstellen kann, dass «Effektivität, Effizienz und Gerechtigkeit des Schweizer Bildungssystems in Zukunft» ohne Kompetenz «zuverlässig ausgewiesen und gezielt optimiert werden» können, befürchtet sein deutscher Kollege Jochen Krautz, die Kompetenzorientierung vernachlässige Fachinhalte und führe zu einem sinkenden Bildungsniveau.

Nachdem (Handlungs-)Kompetenzen in der Berufsbildung seit längerer Zeit Standard sind, wird nach dem so genannten «PISA-Schock» auch in Schweizer Volksschulen der Paradigmawechsel von der Input- zur Outputorientierung lanciert. «Beschrieben Lehrpläne bis anhin», steht in der Einleitung zum Lehrplan 21, «welche Inhalte Lehrpersonen unterrichten sollen, beschreibt der Lehrplan 21, was Schülerinnen und Schüler am Ende von Unterrichtszyklen können sollen.» Es genüge nicht mehr, macht der Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz Christian Amsler klar, wenn der in Lehrplänen festgeschriebene Stoff «durchgenommen» worden sei, sondern die Lernenden müssten «in einem umfassenden Sinne kompetent» sein, das heisst, «über das nötige Wissen verfügen und dieses Wissen in einer entsprechenden Situation auch anwenden können» (Blogjournal «Public History Weekly»).

Die Nachricht verbreitete sich wie eine Explosion. Wogen der Gefühle und tiefe Betroffenheit in den Medien, und gemäss denen, auch weltweit bei den Menschen. Der Tages-Anzeiger publizierte sofort und mit Stolz, das letzte Interview mit ihm geführt zu haben. Er stellte dieses sogleich wieder prominent ins Netz und füllte mit zentnerschwerem Pathos Seite zwei und drei der Printausgabe. Über den «Tod eines Unsterblichen», über einen «Forscher im Grenzbereich zwischen Leben und Tod», der «für uns Daheimgebliebene von dort berichtete, wo kein Wissenschaftler mit Messmethoden oder Intellekt hinkommen konnte», schrieb ein Alpin-Spezialist. Seine «körperlichen und geistigen Höhenflüge führen zu Erlebnissen von fast spiritueller Dimension» und mache sie «für die zu Hause gebliebenen zur Inspiration», stand an gleicher Stelle in einem anderen Text.

Ein Medienhype sondergleichen

Wenn nur noch das Messbare zählt

Den einzig interessanten Text - immerhin – publizierte wiederum der Tagi. Der Autor, wohl Nicht-Alpinist und leicht genervt über den undifferenzierten Medienhype, diagnostizierte bei Steck eine «asketische Biederkeit» und vermochte «keinerlei Hinweise auf eine spirituelle Dimension erkennen. (...) diese Hast am Berg, das hat doch etwas Unsympathisches». Er traf den Kern der Sache. Man darf sich vielleicht einzig fragen, ob er im Nachhinein berufen war, den Toten so zu kritisieren, wenn er Zeit seines Lebens in der Thematik geschwiegen hat.

Als ich (damals in der Funktion als Leiter Allgemeinbildung an einer Berufsfachschule) eine Kollegin darauf aufmerksam machte, sie solle im Fachbereich «Sprache & Kommunikation» nicht ausschliesslich normative Sprachaufgaben stellen, Sprache sei nicht nur, ja, nicht einmal in erster Linie Orthographie&Grammatik, meinte sie, alles andere (z.B. kreative Wortwahl, spannende Erzählung, eigenwillige Argumentation) sei nicht objektiv zu bewerten, deshalb halte sie sich lieber an formale Eindeutigkeiten. Das ist die Kapitulation der Schule vor ganzheitlicher Bildung.

«Warum müssen wir das lernen?» Die Frage kennen, vermutlich, alle Lehrpersonen. Sie entspringt dem Wunsch, etwas für das Leben (welches Leben?) Brauchbares und nicht nur für das im theoretischen Sandkasten Schule Vorgegebene zu lernen. Das Wozu? der SchülerInnen ist zum einen Ausdruck der Unterwerfung unter das Prinzip der Nützlichkeit, insbesondere die ökonomischen Interessen des Betriebs, zum anderen Protest gegen die Bildungsinstitutionen, die verordnen, was nicht verordnet werden kann - das Lernen.

«Bildung selbst in die Hand nehmen»

Ueli Steck war ein feiner Mensch. Er war keine charismatische Persönlichkeit. Er war vorab ein hervorragender Alpinist. Aber in der Schweiz gibt es ein Dutzend, auf der Welt wohl hundert, die sich alpinistisch auf einem ähnlichen Niveau bewegen. Etliche sind technisch besser. Vom «weltbesten Alpinisten» zu sprechen ist deshalb Unsinn, weil diese Kategorie nicht messbar und eine reine PR- und Medienerfindung ist. Vor diesem Hintergrund gilt es auch ein anderes Missverständnis auszuräumen. Steck war kein Alpinist, auch kein Abenteurer, sondern ein professioneller Hochleistungssportler. Spätestens seit er 2007 zum ersten Mal die Heckmair-Route der Eiger-Nordwand in Rekordzeit durchstiegen hatte, dienten ihm die Berge vorab als Sportstadion und als Kulisse für PR-Inszenierungen. Eis und Fels waren der playing ground, Pickel und Steigeisen die Sportgeräte.

Ob Input- oder Outputorientierung - immer wird das zentrale Subjekt von Bildung ganz selbstverständlich übergangen. Die von Erwachsenen entwickelte Schule (von der Gebäudehülle über die Lerninhalte bis zu den Unterrichtsformen) wird von den Lernenden nicht als eigener Raum wahrgenommen; umgekehrt erscheinen Lernende tendenziell als Störung der wohl durchdachten Institution - alles würde perfekt funktionieren, wenn nur die SchülerInnen nicht wären. «Nie wird gefragt, was wir denn eigentlich wissen wollen und warum… Es ist leider noch nicht so, dass die Schule für die SchülerInnen da ist!», stellt Felix von der in den 80er Jahren in Zürich aktiven Autonomen Lerngruppe ALG fest.

Damals begab sich Steck in die Abhängigkeit der Industrie und setzte sich deren Marktbedingungen aus. Während andere, hervorragende Alpinisten, diese Entwicklung kritisieren und sich ihr bewusst entzogen, kletterte Steck seit zehn Jahren meist in jenen Gegenden, die Medien und Sponsoren interessieren und eine breitere Öffentlichkeit vom Namen her auch kennt: Eiger-Nordwand und Mount Everest. Dadurch entglitt ihm die Kontrolle über seine Tätigkeit. Aus Steck wurde die «swiss machine», ein marktkompatibles, einträgliches Kunstprodukt, eine Pop-Ikone der Sehnsuchtsindustrie, assistiert von PR-Journalisten der Outdoorbranche.

In der öffentlichen Wahrnehmung galt Todesnähe fortan als intensives Leben, nicht als elende Schinderei. Das höchste Risiko erschien nicht mehr als (selbst)zerstörerischer Grenzgang, sondern als begehrenswert. Zum ritualisierten Jargon gehörte auch das Scheitern, das den Tod bedeutet und dass er - frei von Sponsoring-Zwängen - sein «eigenes Ding» durchziehen könne. Das war vor Steck schon so, aber niemals mit dieser medialen Aufmerksamkeit und derart professionell vermarktet.

Einige, viele mögen einwenden - Lernende könnten, weil terra incognita, nicht wissen, was sie lernen wollten beziehungsweise müssten. Aber stellen Kinder nicht schon seit Jahrhunderten Fragen, deren Antworten ganze Bibliotheken füllen und weit über momentane Notwendigkeiten sowie Gelüste hinausgehen? Was geht Bildungszielen und Kompetenzkatalogen anderes voraus als Fragen, auch danach, welche Fähigkeiten es für den gewünschten Beruf brauchte? Im Übrigen bedeutet Aushandeln nicht, durch die Lernenden allein bestimmen lassen. Deren Partizipation dürfte sich in der Berufsbildung allerdings nicht auf die Schule beschränken, sondern müsste, duale Ausbildung eben, auch in den Unternehmungen praktiziert werden, denn die Interessen der Betriebe sind selten identisch mit den Lebensentwürfen der Lernenden. Die Schule aber müsste zu einem Ort werden, an dem SchülerInnen zu AdvokatInnen ihrer Zukunft werden können.

Übrigens, der Chirurgin ohne Staatsexamen müsste, statt Gefängnis und Berufsverbot verordnet, endlich das ärztliche Diplom geschenkt werden. Die auf unterschiedlichsten Wegen erworbenen Kompetenzen müssten gleichermassen anerkannt, der Diplomierungswahn beendet werden. Ohne Angst vor HochstaplerInnen, die vortäuschen, was sie nicht sind. Voraussetzungen dafür sind kritische PatientInnen&BürgerInnen - die sich kein X für ein U vormachen lassen - und der Verzicht auf ungleiche Bewertung von Tätigkeiten. Wo die Stunde einer Fachangestellten Gesundheit gleich viel wert ist wie die Stunde eines Anlageberaters, braucht sich keine&keiner als ManagerIn oder AnwältIn zu verkleiden, dieder Kompetenzen und Leidenschaft dafür fehlen.

(Eine Variante dieses Textes wurde erstmals in der «Wochenzeitung» vom 26. Juni 2014 veröffentlicht.)

Literatur

Alia Ciobanu: Revolution im Klassenzimmer, Herder, Freiburg im Breisgau 2012

Im Frühjahr 2013 wollte Ueli Steck jene Tour unternehmen, bei dessen Vorbereitung er nun zu Tode kam: die Überschreitung des Mount Everest und des Lhotse. Auf einer Trainingstour querten Steck und Berg-Partner Simone Moro das Arbeitsfeld der Sherpas. Gemäss den Sherpas hätten die beiden lebensbedrohliche Eisschläge ausgelöst. Die Sherpas richteten gerade Fixseile für kommerziell geführte Touren ein. Es wird unter den Alpinisten allgemein akzeptiert, diese Arbeit der Sherpas nicht zu stören und während dieser Zeit auch nicht zu klettern. Steck und Moro missachteten das ungeschriebene Gesetz. Es war wohl nicht die unmittelbare Gefahr, sondern viel eher der Tabubruch, die Geringschätzung der Arbeit, die die Sherpas danach gewalttätig werden liess. Steck und Moro mussten aus dem Basislager fliehen und das Unternehmen abbrechen.

Vorwurf: Zu früh aufgegeben

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Mit Zwangsvorgaben scheitert das Lernen (auf InfoSperber)
Eine gesunde Schule wäre eine andere Schule (auf InfoSperber)
Wer, ganz nebenbei, ist «die Wirtschaft» (auf InfoSperber)

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